Aquarien- und Terrarienverein Hottonia e.V.

Seit dem 1. August 2014 ist das neue Tierschutzgesetz in Kraft, nach dem der Verkäufer jedem Neukunden eine ausführliche, schriftliche Information zu einem neu erworbenen Tier mitgeben muss. Bei Fischen ist das auf Artbasis praktisch nicht durchführbar. Darum hat die Aqualog animalbook GmbH (Rodgau) Steckbriefe entwickelt, die die Anforderungen des Gesetzgebers erfüllen und jeweils eine Fischgruppe abhandeln. Hier der Steckbrief „Schmerlen”.

 

Allgemeines

Schmerlen (Überfamilie Cobitoidea) sind eine Gruppe vorwiegend kleiner Süßwasserfische. Gegenwärtig sind 1043 Arten aus 111 Gattungen anerkannt, die sich auf 10 Familien verteilen. Etwa 50 Arten sind als Aquarienfische von Bedeutung, grundsätzlich könnten jedoch alle Arten im Aquarium gepflegt werden. Die Verbreitung der Schmerlen ist auf Europa und Asien beschränkt. Hier leben die Tiere sowohl in der gemäßigten Zone wie auch in den Tropen. Wenngleich viele verschiedene Gewässertypen besiedelt werden können, ist doch eine Bevorzugung von Fließgewässern zu beobachten. Viele Arten, etwa die Flossensauger, sind sogar an stark strömende Bäche speziell angepasst.

Wesentliche Bedürfnisse der Tiere

Die überwiegende Mehrzahl der bisher gepflegten Schmerlen sind Bodenfische. Zumindest teilweise sollte darum der Bodengrund aus weichem Flusssand (kein Bausand!) bestehen. Der Bodengrund sollte einige Zentimeter hoch sein, da sich viele Arten gerne gelegentlich eingraben. Die meisten Schmerlen schätzen klares, sauerstoffreiches Wasser mit einer guten Strömung. Wasserhärte und pH-Wert sind ohne große Bedeutung für die Tiere, viele Arten leben in der Natur zwar in weichem, sauren Wasser, doch sie brauchen diese Wasserwerte nicht. Fast alle Arten sind sozial und sollten in kleinen Gruppen von 6-10 Exemplaren gepflegt werden. Nur sehr wenige Arten sind territorial und dulden keine Artgenossen in ihrer Nähe. Es ist wichtig, die Herkunft der Tiere zu kennen, um die richtige Wassertemperatur anbieten zu können. Arten der gemäßigten Zone sind Kaltwasserfische, die bei 10-20°C gepflegt werden, Arten der Subtropen vertragen im Sommer 24-26°C, sollten jedoch bei 12-16°C überwintert werden und tropische Arten werden bei 24-28°C (Tieflandtiere) bzw. 18-24°C (Tiere aus Bergregionen) gepflegt.

Angemessene Ernährung

Grundsätzlich sind Schmerlen Kleintierfresser. Sie sind gut mit allen üblichen Sorten Trocken-, Frost- und Lebendfutter zu ernähren. Zusätzlich nehmen fast alle Arten auch Detritus (zerfallene, abgestorbene Pflanzenteile) zu sich, weshalb immer totes Laub von Laubbäumen (Seemandelbaum, Buche, Eiche, Erle, Birke, Obstgehölze etc.) zur freien Verfügung im Aquarium vorhanden sein sollte. Viele Prachtschmerlen-Arten (Botiidae) fressen gerne Schnecken, Saugschmerlen (Gyrinocheilidae) haben sich auf Aufwuchsnahrung (Algen und die darin lebenden Mikroorganismen) spezialisiert. Aber auch diese in der Natur spezialisierten Arten sind mit den üblichen oben genannten Fischfuttersorten gut zu ernähren.

Verhaltensgerechte Unterbringung und artgemäße Bewegung

Die allermeisten Schmerlen sind Bodenfische, die sich geschickt in engste Spalten zwängen können. Besonders die Prachtschmerlen (Botiidae) haben häufiger ein ausgeprägtes Schwimmbedürfnis. Für sie sollte ein Aquarium mit möglichst großer Bodenfläche gewählt werden. Kleinere Arten brauchen sehr viel weniger Platz; kleine Arten der Dornaugen (Pangio) können auch gut in Aquarien ab 30 x 20 cm Bodenfläche gepflegt werden.

Die meisten SchisturaArten, Flossensauger und Steinbeißer-Verwandten sind gut in Aquarien ab 60 x 30 cm Grundfläche aufgehoben. Aufgrund der versteckten Lebensweise vieler Arten empfiehlt es sich nicht, kleine Arten in zu großen Aquarien zu pflegen, man sieht sie dort zu selten. Grundsätzlich brauchen Arten mit schlangenförmigem Körperbau immer weniger Platz, als vergleichsweise hochrückige Arten.  Von den im Aquarium gepflegten Arten sind lediglich die Vertreter der Gattung Yunnanilus freischwimmend. Aber auch sie leben eher bodennah, weshalb die Aquarienhöhe für alle Schmerlen zweitrangig ist. Das Aquarium für Schmerlen sollte gut strukturiert eingerichtet sein, mit Steinen und Wurzeln. Pflanzen sind von untergeordneter Bedeutung für die Tiere und werden oft ausgewühlt, weshalb bevorzugt Schwimmpflanzen zum Einsatz kommen sollten.

Bei Steinaufbauten ist unbedingt zu Bedenken, dass sie auf der Bodenscheibe gegründet sein müssen. Andernfalls werden sie früher oder später unterwühlt, was den Steinaufbau zu Einsturz bringt und den Tod der Tiere und/oder geplatze Scheiben nach sich ziehen kann. Einzelne flache, etwa handgroße Steine können jedoch auch auf den Sandboden aufgelegt werden. Besonders Schistura-Arten beziehen gerne ihr Hauptversteck darunter. Verstecke in Form von halbierten Kokosnussschalen, Blumentöpfen, Rindenröhren etc. sollten stets in reicher Auswahl in einem Schmerlenbecken vorhanden sein.

Besonderheiten

Aus unbekannten Gründen verhalten sich Schmerlen mancher Arten, besonders der Prachtschmerlen (Botiidae) und einige Schistura, unberechenbar aggressiv gegen Aquarien-Mitbewohner. Sie beißen dann z.B. anderen Fischen die Augen heraus. Die Ursache dieses Phänomens ist - wie gesagt - unbekannt, es tritt auch nur gelegentlich auf. Einzelhaltung scheint diese unerwünschte Eigenschaft aber zu fördern, weshalb alle Schmerlen immer in Gruppen gepflegt werden sollten. Prachtschmerlen kommunizieren mit deutlich vernehmbaren Knack-Geräuschen untereinander. Alle Arten der Botiidae und Cobitidae besitzen unter dem Auge einen rasiermesserscharfen, sichelförmigen Dorn, mit dem sie auch Menschen bei unvorsichtigem Hantieren blutende Wunden zufügen können. Giftdrüsen besitzen sie jedoch nicht.

Angemessene Pflege

Regelmäßiger, großzügiger Teil-Wasserwechsel ist die wichtigste Pflegemaßnahme. Ideal sind wöchentlich 1/3 - 2/3 des Wassers gegen temperiertes Frischwasser gleicher Zusammensetzung auszutauschen; die Temperaturdifferenz zwischen Aquarien- und Frischwasser sollte dabei möglichst gering sein und 2-3°C nicht überschreiten. In schwach besetzten Aquarien mit geringem Keimdruck und guter biologischer Filterung kann der Wasserwechsel auf 1/5 des Gesamtvolumens alle 14 Tage reduziert werden. Dieses Intervall sollte langfristig nicht unterschritten werden. Entsprechend dem natürlichen Lebensraum sollten die Fische immer Zugang zu sekundären Pflanzenstoffen haben. Laub (Seemandelbaum, Rotbuche, Eiche, Walnuss), Erlenzäpfchen, Torf oder spezielle Flüssigpräparate sind entsprechend bei jedem Wasserwechsel zuzugeben. Für viele Schmerlen (z.B. Dornaugen der Gattung Pangio) ist es wichtig, dass immer etwas Mulm im Aquarium vorhanden ist.

 

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